48 Jahre nach der Transplantation


Das Leben ist ein Würfelspiel. Auch die Spitzenmedizin hat daran nichts geändert. Bei Peter Ochsner, 65, Theologe, ist der Würfel auf die glückliche Seite gefallen. Als junger Student litt er an einer fatalen Nierenkrankheit. Ihm drohte ein früher Tod, die einzige Möglichkeit war die Transplantation einer Niere.

Heute, 48 Jahre später, lebt Peter Ochsner noch immer mit der fremden Niere. Seit seiner Frühpensionierung vor fünf Jahren verbringt er die meiste Zeit mit seiner zweiten Frau in Griechenland. «Ich kann das Leben ohne Einschränkung geniessen. Die fremde Niere ist gefühlsmässig schon lange meine eigene. Nur die Medikamente, die ich täglich nehmen muss, erinnern mich an die Transplantation.» Ochsner ist einer der wenigen Langzeitüberlebenden, die in der Pionierzeit am Uni-Spital Zürich eine Niere erhalten haben. 

Eigene Nieren schon Wochen zuvor entfernt:


Es ist der 12. Juli 1970, am späten Nachmittag, als der junge Theologiestudent Peter Ochsner in den Operationssaal geschoben wird. Die Chirurgen unter der Leitung von Felix Largiadèr haben eine Doppeloperation eingeplant. Die beiden Nieren des Spenders werden auf zwei Empfänger verteilt, die zweite Niere erhält ein Patient, der nach der Operation Ochsners Zimmernachbar sein wird.

Peter Ochsners eigene Nieren und die Milz waren ihm schon Wochen zuvor herausgenommen worden. Sie waren geschädigt von einer chronischen Nierenentzündung, die sich seit April 1970 rasant verschlechterte. Die mangelhaften Organe drohten ihn innerlich zu vergiften. Er lebte nur noch, weil er jede Woche mehrmals an die Dialyse-Maschine angehängt werden konnte, um sein Blut zu waschen. Am schlimmsten erschien ihm die strenge Diät, die er einhalten musste: salzfrei, fettlos, kaliumarm, nicht einmal Kirschen und Erdbeeren durfte er in diesem Frühling essen.

Nur geringe Überlebenschancen:


Die Transplantation war die Rettung, aber auch ein Risiko. Die Transplantationsmedizin in der Schweiz steckte noch in ihren Anfängen. Die erste Niere war erst sechs Jahre zuvor transplantiert worden, und die frühen Patienten waren alle nach wenigen Wochen oder Monaten gestorben. Peter Ochsner war der 69. Patient in Zürich. Die Überlebensrate war immer noch viel geringer als heute. «Peter Ochsner gehörte zur Serie der ersten 100 Nierenpatienten in Zürich», erinnert sich Felix Largiadèr. «Wir haben später das Schicksal dieser Patienten untersucht. Nach 20 Jahren lebten nur noch 18 der 100 Empfänger.»

An seine Operation erinnert sich Peter Ochsner nur noch schwach. «Ich wurde durch die Gänge des Uni-Spitals geschoben. Die Schwestern sagten mir, dass man noch einmal aufmachen müsse, weil die Niere nicht funktioniere.» Als er das zweite Mal erwacht, ist Peter Ochsner aufgewühlt, verwirrt. Ein Traum hat ihn gefesselt. «Ich hielt mich mit aller Kraft und mit beiden Händen an einem Reck fest, das über einer Schlucht war. Hätte ich losgelassen, wäre ich zu Tode gestürzt. Ich dachte im Traum, wenn das das Leben nach der Transplantation ist, dann hat es keinen Wert.» Er liess im Traum los – und in diesem Moment hörte er die Stimme der Ärzte sagen: «Es ist alles gut gegangen, die Niere wird durchflossen.» Loslassen, so glaubt Peter Ochsner heute, war in seinem Fall das richtige Rezept. Einige Tage nach der Operation tritt Felix Largiadèr, der Chirurg, ins Zimmer und bringt Kirschen mit, die Ochsner vorher nicht essen durfte. «Dieses kleine Zeichen hat mir auf einen Schlag gezeigt, was ich gewonnen hatte», sagt Ochsner. «Ich war sehr dankbar.»

Sieben Jahre:


In seinem Kopf hat sich damals eine Zahl eingeprägt: sieben Jahre. So lange glaubte er nach der Transplantation noch leben zu können. Woher diese Zahl genau kam, weiss er heute nicht mehr, wahrscheinlich informierten ihn die Ärzte über die durchschnittliche Überlebensrate für Nierenpatienten, die damals so hoch war. Obwohl er wusste, dass dies im Einzelfall nichts bedeuten musste, schien ihm das wie eine unüberwindbare Grenze. «Doch das machte mir keine Angst, denn mit 25 sind sieben Jahre eine lange Zeit, mein Ende war noch weit weg», erzählt Peter Ochsner. «Aber meine Einstellung änderte sich. Ich lebte bewusster, nachdenklicher, dankbarer.» Er setzte sein Studium fort, schrieb sogar seine Diplomarbeit über das Thema Transplantation. 1976 wurde er Vater einer Tochter und begann auch wieder, das Leben zu geniessen. Dann waren die sieben Jahre um und es ging einfach weiter. «Von da an war mir jeder Tag wie ein Geschenk.»

Die Überlebensrate bei Nierentransplantationen hat sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Heute liegt sie im Durchschnitt bei etwa 12, vielleicht 15 Jahren. Die grössten Fortschritte sind bei den Medikamenten gemacht worden, die die Abstossungsreaktion des körpereigenen Immunsystems verhindern. Vor allem der Wirkstoff Cyclosporin, der ursprünglich aus einem Pilz stammt, hat die Raten gesteigert.

Davon konnte Peter Ochsner jedoch nicht profitieren, Cyclosporin ist unter dem Markennamen Sandimmun erst in den späten 70er-Jahren auf den Markt gekommen. Ochsner nimmt heute noch die alten Medikamente, er hat sich daran gewöhnt. «Wenn eine Kombination von Medikamenten wirkt, gibt es keinen Grund, diese zu ändern», sagt Peter Ochsner. «In den ersten Wochen nach der Transplantation hatte ich zwar ein aufgedunsenes Gesicht, aber das war nichts im Vergleich zur Lebensqualität, die ich durch die Transplantation neu geschenkt bekommen habe.»

Zur Kontrolle ins Spital:


Noch immer begibt sich Peter Ochsner jedes Jahr zweimal zur Kontrolle ans Uni-Spital. Hier wird er von Rudolf Wüthrich, Direktor der Klinik für Nephrologie am Uni-Spital, betreut. Die Besuche sind kurz, vielleicht eine halbe Stunde: Blutkontrolle, Überprüfung des Gesamtzustandes, Test der Organtätigkeit. «Herr Ochsner ist sicher ein Einzelfall», erklärt Wüthrich, «ein grosser Teil der Nierenpatienten bekommt früher Probleme.» Oft kommt es zu Abstossungsreaktionen, eine neue Niere muss transplantiert werden – oder der Patient stirbt. Wann Peter Ochsners Zimmernachbar, der die zweite Niere desselben Spenders erhalten hat, gestorben ist, weiss er nicht mehr genau, aber es muss schon lange her sein. «Er hatte immer mehr Probleme als ich, mit den Medikamenten, mit den Nebenwirkungen. Ich sah ihn manchmal noch bei den Kontrollen, doch plötzlich erfuhr ich, dass er gestorben ist.»

Wieso aber hatte Peter Ochsner das Glück auf seiner Seite? Niemand weiss das genau. Laut Andreas Serra, Oberarzt und Forscher an der Klinik für Nephrologie, beeinflussen im Wesentlichen zwei Faktoren die Überlebenszeit nach einer Nierentransplantation. In den ersten Monaten nach der Operation sind Komplikationen schuld, die während oder kurz nach dem Eingriff auftreten. Haben die Patienten die ersten Monate erst einmal überlebt, spielen chronische Abstossungsreaktionen und Herz-Kreislauf-Probleme eine immer wichtigere Rolle. «Entscheidend sind aber auch psychische Faktoren und der Wille des Patienten», sagt Serra, «das haben unzählige Studien gezeigt.» Hauptgrund: Patienten, die eine positive Einstellung mitbringen, nehmen die nötigen Medikamente diszipliniert nach dem vorgeschriebenen Fahrplan, was für das Überleben entscheidend ist.

Als Kind, sagt Peter Ochsner, sei er immer kränklich gewesen, er habe kein Schulquartal erlebt, in dem er nicht mehrere Tage gefehlt habe. Aber er habe gelernt, tapfer zu sein – und dankbar. Er zelebriere die Dankbarkeit nicht, zum Beispiel mit Pilgerfahrten oder Ritualen, aber sie sei tief in seinem Bewusstsein drin. Das habe ihm geholfen, ist er überzeugt. Den Jahrestag seiner Transplantation wird er nicht feiern. Er will ihn annehmen wie jeden Tag zuvor – als einen geschenkten Tag. (Tages-Anzeiger)

(Quelle des Textes:)

www.tagesanzeiger.ch, (Quelle des Bildes: www.tagesanzeiger.ch)